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Taktilität, Kommunikation, Visuelles Denken

Ausschnitte aus:

Temple Grandin©: "My Experiences with Visual Thinking, Sensory Problems and Communication Difficulties"

Original im Internet bei: http://www.autism.org/temple/visual.html
übersetzt vom RV Nördl. Baden-Württemberg "Wir Eltern"

Autistische Probleme mit der Taktilität

Ich flüchtete, wenn Leute versuchten, mich zu umarmen, weil eine Umarmung eine überwältigende Flutwelle an Stimulationen durch meinen Körper sandte. Ich wollte das angenehme Gefühl, gehalten zu werden, fühlen, aber dann, wenn jemand mich hielt, war der Effekt auf mein Nervensystem ü-berwältigend. Ich war einer ständigen Annäherungs-Vermeidungs-Situation, aber die Wahrneh-mungsüberempfindlichkeit verursachte die Blockade, nicht Ärger oder Angst, wie Richer und Zapella (1989) vermuten. Ein autistischer Mann, der von Cesaroni und Garber befragt wurde, bestätigte, dass Berührung nicht Angst erregend, sondern überwältigend und verwirrend war.

Selbst das kleinste Jucken oder Kratzen, welches die meisten Leute ignorieren, war eine Qual. Ein kratzigen Unterrock fühlte sich an wie ein Stück Sandpapier, welches auf meiner Haut rieb. Haarwa-schen war auch schrecklich. Wenn meine Mutter mein Haar massierte, schmerzte meine Kopfhaut. Ich hatte auch Probleme, mich an neue Kleider zu gewöhnen. Es dauerte mehrere Tage, bis ich das neue Kleid auf meinem Körper nicht mehr so intensiv spürte; während normale Leute sich in fünf Minuten daran gewöhnt haben, wenn sie sich umgezogen haben. Neue Unterwäsche verursachen heute noch großes Unbehagen und ich muss sie vorher waschen, bevor ich sie tragen kann. Viele Menschen mit Autismus bevorzugen weiche Baumwolle auf der Haut. Ich liebe auch lange Hosen, weil ich es nicht leiden kann, wenn sich meine Beine gegenseitig berühren.


Kommunikation

Ich kreischte, weil es der einzige Weg war, wie ich kommunizieren konnte. Wenn Erwachsene direkt zu mir sprachen, konnte ich alles verstehen, was sie sagten. Wenn Erwachsene untereinander spra-chen, dann klang dies wie kauderwelsch. Ich hatte die Wörter, die ich sagen wollte, in meinem Kopf, aber ich konnte sie nicht aussprechen; es war wie ein großes Stottern. Wenn mich meine Mutter aufforderte, etwas zu tun, kreischte ich. Wenn etwas mich plagte, kreischte ich. Dies war der einzige Weg, mein Missfallen auszudrücken. Wenn ich keinen Hut tragen wollte, war der einzige Weg, wie ich meine Wünsche äußern konnte, der, dass ich den Hut auf den Boden war und kreischte. Es war eine unheimlich frustrierend, nicht reden zu können. Ich kreischte jedes Mal, wenn mein Lehrer mit dem Zeigestock auf mich zeigte. Ich war verängstigt, weil ich zu Hause gelehrt worden war, niemals mit einem scharfen Gegenstand auf eine Person zu zeigen. Ich fürchtete, dass der Stock mein Auge ausstechen könnte.

Die Sprachtherapeutin musste mich in eine leichte Stresssituation versetzen, dass ich die Wörter aussprechen konnte. Sie hielt mich sanft am Kinn, so dass ich sie anschauen musste, und dann for-derte sie mich auf, gewisse Laute zu erzeugen. Sie wusste, wie weit sie mich belasten konnte. Wenn sie mich zu hart anfasste, würde ich einen Koller bekommen; wenn sie mir nicht genug Druck gab, gab es bei mir keine Reaktion.


Visuelles Denken

Es fällt mir schwer, in Sprache und Wörtern zu denken. Ich denke total in Bildern. Es ist, als ob ich verschiedene Videofilme in meiner Vorstellung ablaufen lasse. Ich nahm an, dass jeder in Bildern denkt, bis ich anfing, viele verschiedene Leute über ihre Denkprozesse zu befragen.

Für mich gibt es keine Informationen in meinem Gedächtnis, die auf Sprache basieren. Um Zugang zu gesprochenen Informationen zu erhalten, muss ich ein "Video" (in der Vorstellung, d. Übers.) abspielen, wo eine Person spricht. Es gibt einige brillante Leute, die nur ein kleines visuelles Vorstel-lungsvermögen haben. Ein total verbal veranlagter Professor sagte mir, dass die Fakten geradewegs aus seinem Hirn kommen, ohne dass er visuelle Vorstellungen davon hat. Um Fakten abzurufen, muss ich diese aus einer graphischen Seite eines Buches ablesen oder "das Video" mit den entspre-chenden Ereignissen abspielen. Diese Denkmethode ist langsamer. Es dauert seine Zeit, das Video-band in seiner Vorstellungskraft abspielen zu lassen.

Temple Grandin


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