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Lebensgeschichten: "M."

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Die Schwangerschaft verlief komplikationslos. M. war schon vor seiner Geburt unglaublich aktiv und schien nie zu schlafen. Die Geburt erfolgte drei Wochen nach dem errechneten Termin als Hausgeburt. Nach der Geburt hat er zehn Stunden lang nicht geschlafen.

M. entwickelte sich zunächst gut. Er wurde 8 Monate lang gestillt. Trinkschwierigkeiten gab es nicht. Bei der Einführung von Breikost gab es keine Probleme. Auffällig war höchstens, dass er nur kalten Brei zu sich nahm, auch den Kartoffel-Gemüse-Brei aß er nur kalt.

Mit 8 Monaten konnte er sitzen und krabbeln aber auch stehen und an Gegenständen und Wänden entlang laufen, so daß er nur krabbelte, wenn er sich nirgends festhalten konnte. Mit 11 Monaten lief er frei. Sauber und trocken war er mit 24 Monaten.

Bezüglich der Sprachentwicklung hat er sich bis ungefähr zum 20. Lebensmonat darauf beschränkt auf Dinge zu zeigen und "da" zu sagen. Er verstand jedoch alles, kam Aufforderungen nach, zeigte Gegenstände etc. Mit 24 Monaten sprach er in ganzen Sätzen und fast ununterbrochen.

Auffällig in dieser Zeit war, dass er nie gefremdelt hat und keinerlei Angst zu kennen schien. Er lief bespielsweise mit 11 Monaten schon weg und sah sich nicht einmal um, ob ich noch in der Nähe war.

Weiterhin war auffällig, dass er verhältnismäßig wenig schlief, bereits im ersten Lebensjahr nur etwa 10 Stunden täglich.

Mit 3 Jahren kam M. in den Kindergarten. Hier kam es nach kurzer Zeit zu erheblichen Problemen. Obwohl M. vorher eigentlich nie Trennungsängste hatte, wollte er nach kurzer Zeit nicht mehr in den Kindergarten und wehrte sich heftig, tobte und weinte. Die Kindergärtnerin berichtete, dass er sich nicht in die Gruppe einfüge, dass er die anderen Kinder in ihrem Spiel störe und ihren Spielablauf umgestalten wolle. Er hielte sich nicht an Regeln, sondern wolle immer seine eigenen Regeln und Ideen durchsetzen. Teilweise sei er auch aggressiv zu anderen Kindern gewesen. Da M. in seinem gesamten Verhalten als sehr störend empfunden wurde und dies sich auch nicht durch die üblichen erzieherischen Maßnahmen änderte, wurde er häufig auf den Flur geschickt, wo er schließlich einen großen Teil seiner Kindergartenzeit verbrachte.

Da M.'s Interessen, sein Kenntnisstand und seine Ausdrucksweise sich deutlich von denen gleichaltriger Kinder abhoben, wurde vom Kindergarten eine Hochbegabung vermutet, die als Ursache für sein Verhalten angesehen wurde. M. wurde daraufhin in der KJP in D. getestet. Da M. jedoch keine ausreichende Motivation in der Testsituation zeigte, bestätigte sich dieser Verdacht zunächst nicht. Später wurde M. bei weiterhin bestehenden Problemen noch einmal getestet und erreichte im Alter von 5 Jahren im AiD unter Zugrundelegung der Normen für Sechsjährige bereits ein Ergebnis im Bereich der Hochbegabung. Nun wurden also alle Verhaltensauffälligkeiten mit intellektueller Unterforderung im Kindergarten begründet.

Mit 6,2 Jahren wurde M. eingeschult. Die Probleme nahmen im Vergleich zum Kindergarten noch erheblich zu. M. wehrte sich auch mit Händen und Füßen und mit viel Geschrei dagegen, zur Schule zu gehen. Die Lehrerin beklagte sich, dass er sich nicht in die Klasse einfüge, "alles besser wisse", ihr und den anderen Kindern Vorschriften machen wolle, sich nicht an die Regeln und den allgemeinen Ablauf hielte, die Mitarbeit verweigere und ständig störe. M. beklagte sich, dass alle ihn ärgern würden und er außerdem überhaupt nicht stören würde und alles so machen würde, wie die Lehrerin es gesagt hätte, sie dann aber trotzdem nie zufrieden wäre.

Da bereits nach drei Wochen davon die Rede war, dass M. unter den gegebenen Umständen nicht weiter zur Schule kommen könne, habe ich die Psychologin aus der KJP in D. zu Rate gezogen, die dringend empfahl, M. in die zweite Klasse springen zu lassen, da der Grund für sein Verhalten Unterforderung sei.

M. hat dann zunächst stundenweise und nach den Herbstferien ganz die zweite Klasse besucht. Dort ging es für kurze Zeit sehr gut. In dieser Klasse unterrichtete zu der Zeit eine Vertretungslehrerin, da die Klassenlehrerin krank war. Diese Lehrerin bemühte sich sehr um M. und räumte ihm eine gewisse Sonderposition ein, da er noch sehr jung war und auch im Unterrichtsstoff noch etwas Hilfestellung brauchte. Sie erklärte ihm alles noch einmal persönlich, sagte ihm genau, was von ihm erwartet wurde, setzte sich oft neben ihn oder nahm ihn auf den Schoß und schütze ihn auch vor den anderen Kindern, die anfingen ihn als "den Verrückten" zu hänseln. In dieser Zeit ging M. gerne zur Schule.

Kurz vor Weihnachten kam die ursprüngliche Klassenlehrerin der Klasse zurück und die Situation wurde wieder sehr problematisch. M. sollte nun keine Extrabehandlung mehr bekommen und sich wie alle anderen Kinder in die Klasse einfügen. Das klappte wiederum überhaupt nicht, die bekannten Probleme traten wieder auf und es kam mehrmals zu heftigen Eskalationen, wo M. völlig außer sich geriet und nicht mehr zu beruhigen war. Er mußte dann immer die Klasse verlassen und verbrachte wieder einige Zeit auf dem Flur.

Anlaß dieser Auseinandersetzungen waren immer irgendwelche Mißverständnisse zwischen der Lehrerin und M., wobei M. sich im Nachhinein immer völlig unschuldig fühlte, zwar einsah, dass man nicht so herum schreien darf, aber sich immer derartig unverstanden und ungerecht behandelt fühlte, dass er sich einfach so aufregen mußte. Zu den anderen Kindern hatte M. keinen Kontakt. Er wurde zunehmend gehänselt und gemobbt.

M. wurde dann für die Tagesklinik in D. angemeldet und im April 2001 dort aufgenommen. Er blieb 3 Monate dort. In der dortigen Schule kam er ganz gut klar und lernte auch gut. Die Klasse hatte aber auch nur 4 Kinder. In der Tagesgruppe klappte es mal gut mal schlecht, je nachdem welche Erzieherin gerade da war. Nach drei Monaten wurde er mit den Diagnosen "Störung des Sozialverhaltens", "Störung der Emotionen", "Störung von Aktivität und Aufmerksamkeit", "Störung der Motorik" entlassen, ohne nennenswerte Veränderung in seinem Verhalten.

Zurück in der Heimatschule war es nur kurzzeitig besser, dann spitze sich die Situation weiter zu. Die Eskalationen im Unterricht nahmen zu, M. wurde immer häufiger auf den Flur geschickt, mußte eher abgeholt werden und durfte im Dezember 2001 für einige Zeit gar nicht mehr zur Schule kommen. Durch die Schule wurde die Umschulung auf die Sonderschule für Erziehungshilfe beantragt. Da M. von den anderen Kindern nur noch gehänselt und geärgert wurde, und seine Klassenlehrerin sich weigerte ihn weiter zu unterrichten, und M. sich weigerte noch weiter in diese Schule zu gehen, habe ich dem zugestimmt.

Durch die sehr überschaubaren Verhältnisse, die eindeutig formulierten Anforderungen und das individuelle Eingehen auf seine spezifischen Probleme geht es M. in der neuen Schule sehr gut. Er hat allerdings noch immer keinen freundschaftlichen Kontakt zu seinen Mitschülern, beschäftigt sich in den Pausen alleine und findet keinen Anschluß. Vor Hänseleien und Ärgern wird er sehr gut durch die Lehrkräfte geschützt. Selbst kann er sich überhaupt nicht wehren, weder körperlich noch verbal.

M.s Verhalten zuhause und in der Freizeit:
Mit zwei Jahren entwickelte M. eine Leidenschaft für Eisenbahnen und beschäftigte sich fast nur mit seiner Holzeisenbahn oder stand mit Begeisterung auf Bahnhöfen oder vor Schranken. Er kannte die verschiedenen Züge z.B. Intercity, ICE, Interregio und zitierte ständig ein Eisenbahnbuch, dass er damals sehr liebte. M. spielte nie mit Stofftieren oder ähnlichem. Er hatte auch kein Kuscheltier, hatte jedoch immer gerne eine ICE-Lok bei sich.

Von da ab ging er eigentlich immer einem Spezialinteresse nach, dass ihn dann sehr intensiv beschäftigte; Dinosaurier, das Weltall, der menschliche Körper, Pokemons, Digimons... Dabei ist zu bemerken, dass er es, obwohl damals viele Kinder an Pokemons interessiert waren, auch nicht über dieses Thema schaffte Kontakt zu anderen Kindern aufzunehmen. Er hatte auch nie das Bedürfnis Pokemonkarten zu tauschen, er monologisierte nur den ganzen Tag über die verschiedenen Eigenschaften der unterschiedlichen Monster, was selbst den größten Pokemonfreund irgendwann langweilte.

Eine erstaunliche Eigenheit M.'s ist es, Gehörtes nahezu wörtlich wiederzugeben. Zur Zeit ist er ein großer Freund der "Star Wars"-Filme und er kann die Dialoge fast auswendig. Da er auch sehr viele Bücher und seine zahlreichen Lern- und Spiel-CDs auswendig kennt und sehr oft daraus zitiert, gebraucht er einen ungewöhnlichen Wortschatz, der für die allgemeine Umgangssprache eigentlich unüblich ist.

Insgesamt ist das Reden eine seiner liebsten Beschäftigungen. Er redet fast dauernd, zur Not auch mit sich selbst. Es interessiert ihn beim Reden auch nicht, ob sein Gegenüber überhaupt zuhören kann oder will. Er redet in andere Gespräche hinein, unterbricht. Selbst wenn man ihm ausdrücklich sagt, dass man ihm nicht zuhören kann oder will, redet er weiter.

M. korrigiert andere bei nachlässiger Sprechweise. Wenn man schon recht ärgerlich sagt "du mußt jetzt endlich ins Bett, es ist schon halb neun," dann sagt er "nein, es ist 20.28 Uhr," was die Situation nicht gerade entspannt.
M. hat große Probleme im Umgang mit anderen Kindern. Da er immer der Regisseur des Spielablaufs sein möchte, gibt es häufig Streit und es fällt ihm sehr schwer, Kompromisse zu schließen. Es gibt ohnehin wenig Kinder mit denen M. seine Freizeit verbringen kann. Dabei handelt es sich nur um einige Kinder von meinen Freunden, zu denen der Kontakt über die Eltern entstanden ist. M. selbst kann nur sehr schwer Kontakt aufbauen. Wenn ich ihn zur Schule bringe, beobachte ich oft, dass er gar nicht antwortet, wenn andere Kinder ihn ansprechen oder grüßen. Er sagt, er wisse dann einfach nicht, was er sagen soll.

Spiele nach vorgeschriebenen Regeln z.B. Gesellschaftsspiele kann M. aber gut auch mit anderen Kindern spielen. Dies tut er in letzter Zeit auch öfters in der Schule. Spiele, die üblicherweise draußen gespielt werden, wie Fangen, Verstecken, Fußball oder Seilspringen spielt M. gar nicht. Zum einen sagt er, er kenne nicht die Spielregeln, zum anderen steht ihm dabei auch seine motorische Ungeschicklichkeit im Wege.

Mit Erwachsenen fällt M. der Kontakt meist leichter, jedenfalls wenn diese ihm wohl gesonnen sind. Ist ihm ein Erwachsener sympathisch, läßt er sich bereits beim ersten Kontakt ohne weiteres an die Hand oder auf den Schoß nehmen.

Im Sommer 2002 erhielt M. von Dr. S.v.B. in V. die Diagnose "Asperger-Syndrom". Er besucht immer noch die Sonderschule für Erziehungshilfe, wo er sich recht gut entwickelt. Diesen Sommer hätte er eigentlich auf die weiterführende Schule wechseln können, aber wir haben uns entschlossen, ihn trotz guter Schulnoten das Jahr wiederholen zu lassen, da seine Lehrer und Lehrerinnen meinten, er würde es an der Regelschule noch nicht schaffen, auch nicht mit Schulbegleiter.

Nächstes Jahr soll er dann mit einem Schulbegleiter zum Gymnasium gehen.

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