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"Diagnose und Trauerarbeit"


Die Diagnose ist gestellt.

Vorher wurde sie sehnlich erwartet, weil man endlich Klarheit haben wollte, nun empfindet man sie einerseits als Erleichterung, andererseits hat man dieses Gespenst "Behinderung" tatsächlich real im Haus. Es sind so widersprüchliche Gefühle, die da in uns Eltern hochkommen. Und das muss man erst mal verkraften.

Letztendlich hat das Positive überwogen: Ich wusste endlich, dass ich nicht am Verhalten meines Sohnes schuld war, trotz meiner Erziehung konnte er nicht anders sein, als er war. Das tat mir gut.

Für St. selber war es sehr wichtig. Er litt darunter, dass er immer aneckte, gemieden wurde, alles falsch machte, ständig geschimpft und verteufelt wurde. Er war ja schon so weit, dass er aus diesen Gründen gar nicht mehr leben wollte. Als wir ihm erklären konnten, dass er nicht böse war, sondern eine andere Funktion seines Gehirns "schuld", da bekam er neuen Lebensmut und gewann wieder Selbstvertrauen. Das war sehr wichtig. Ich weiß nicht, was aus ihm geworden wäre, wenn er diese "Absolution" nicht erhalten hätte. Ich kenne erwachsene Menschen mit Asperger-Syndrom, die die Diagnose erst sehr, sehr spät erhalten haben, die ihr Leben lang unter Selbstzweifeln und Schuldgefühlen litten und so auch psychische Störungen und Depressionen bekamen.

Meine Einstellung zu St. hat sich auch verändert. Ich habe nicht mehr nur seine Mängel gesehen, sondern erkennen können, was er denn eigentlich alles Wunderbares geleistet hat, gemessen an der Behinderung. Dass er sich für jede "normale" Handlung sehr anstrengen muss, und ich rechne ihm hoch an, dass er das tut. Mit dieser anderen viel positiveren Einstellung ihm gegenüber ist eine wirklich gute Mutter-Kind-Beziehung entstanden. Das wäre wohl sonst nicht so möglich gewesen.

Natürlich habe ich auch sehr getrauert. "warum St.?" Klar, aber auch "warum wir?" "warum ich?" Irgendwie habe ich - wenn ich es rückwirkend betrachte - weniger meinen Sohn betrauert, als den Abschied von meinen eigenen Wünschen und Vorstellungen und Forderungen an mein Leben. Dass es nicht so läuft, wie ich es gern gehabt hätte. Dass man sich von einigen Dingen verabschieden muss, die vorher selbstverständlich waren.

Es tut sehr weh, so genannte "Freunde" aussortieren zu müssen, weil sie in Belastungs-Situationen krass versagt haben. Heute noch laufen mir die Tränen herunter, wenn ich Eltern oder Großeltern sehe, die mit ihren kleinen Kindern oder Enkeln schmusen, etwas, was ich selber nie erleben durfte.

Aber letztlich muss ich sagen, auch hier sehe ich für mich inzwischen das Positive: Ich kann mich über Dinge freuen, die anderen selbstverständlich sind. Kleinigkeiten, die üblicherweise nicht gewürdigt werden. Das erste wirklich echte, bewusste Anlächeln, welches bei ihm von innen heraus kam, keine verzogene Grimasse "weil man bei der Begrüßung die Mundwinkel hochziehen muss". Oder als er fragte: "wie geht es dir denn heute?" als ich krank war und ich wusste, er wollte das wirklich wissen, er interessierte sich für meine Empfindungen. Das war ein Meilenstein in seiner Entwicklung.

Mein Leben ist reicher geworden, weniger oberflächlich, weniger selbstverständlich. Alles Schöne und Glückliche kann ich heute viel besser wahrnehmen und mehr genießen.

Ich wünsche allen Eltern, dass sie auch nach einiger Zeit diese positiven Seiten entdecken können.

Hannelore Gerner ©

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