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Autismus? ... Asperger-Syndrom?... was ist das?


Autismus ist eine tiefgreifende Entwicklungsstörung [ICD-10: F84], die bereits im Kindesalter beginnt und in deren Zentrum eine schwere Beeinträchtigung in der Beziehungs- und Kommunikationsfähigkeit steht. Grund ist eine angeborene veränderte Wahrnehmungs- und Informationsverarbeitung des Gehirns.

Das bedeutet, dass die Eindrücke aus den Sinnesorganen z.B. zu stark, zu schwach, bruchstückhaft oder verzögert verarbeitet werden. Dadurch erleben und bewerten autistische Menschen ihre Umwelt und das, was geschieht, anders als nicht Behinderte. Sie empfinden ihre Umgebung häufig als Chaos, was zu Veränderungsängsten, Panikzuständen oder dem totalen Rückzug in sich selbst, zu Sprachlosigkeit oder verschiedenen anderen Verhaltensauffälligkeiten führen kann.

Menschen mit Autismus können intellektuell begabt sein, allerdings besteht oft eine Intelligenzminderung und viele (besonders nicht-sprechende) Autisten gelten als geistig behindert. Dennoch zeigen sie häufig erstaunliche Teilleistungen auf einzelnen Gebieten.

Das Wort "Autismus" bedeutet ursprünglich "Selbstbezogenheit" (vom griechischen "autos" = "selbst").

Autistische Menschen wirken häufig, als lebten sie in einer anderen, eigenen Welt, als genügten sie sich selbst und legten keinen Wert auf Kontakte. Auch die häufig zu beobachtende Gefangenheit in stereotypen Beschäftigungen mit Gegenständen oder Bewegungsmustern, die ihre Sinne stimulieren oder beruhigen, lässt dies vermuten. Etwa 50% der Menschen mit Autismus sprechen nicht, viele haben überhaupt keine Möglichkeit, mit ihrer Umwelt Kontakt aufzunehmen und sind völlig isoliert und zurückgezogen.

Menschen mit Autismus haben große Schwierigkeiten, das Denken und Empfinden Anderer wahrzunehmen, sich hineinzuversetzen und es zu begreifen, selbst wenn sie "hoch-funktionsfähig" sind. Erwachsene gut begabte Autisten, die sich entsprechend ausdrücken können, äußern, es sei, als lebten sie wie Fremde auf einem unbekannten Planeten. Sie können den Wunsch nach Kontakten nicht adäquat äußern, wirken auf ihre Umgebung seltsam, unnahbar, egoistisch oder arrogant und bleiben allein.

Durch den Film "Rainman" mit Dustin Hoffman wurde Autismus in der breiten Öffentlichkeit bekannt.

Bei einem Kind, das fließend spricht und sehr gute Kenntnisse auf besonderen Spezialgebieten hat, denkt man zunächst nicht daran, dass es Autismus haben könnte. Das Kind fällt durch sein ungeschicktes Sozialverhalten auf, es hat keine Freunde und lebt am Rande der Gemeinschaft. Der Umgang mit diesem Kind ist schwierig, aber man erkennt nicht, warum das so ist. Möglicherweise ist dieses Kind sogar auf einzelnen Gebieten sehr begabt, trotzdem stimmt etwas Fundamentales nicht.

Die Eltern erleben eine "Gratwanderung" zwischen Fördern, Fordern und Überfordern. Sie machen sich große Sorgen um ihr Kind und haben oft Angst, dass es als Erwachsener kein selbständiges Leben führen kann, da ihm viele praktische und soziale Fähigkeiten fehlen, die im Alltagsleben benötigt werden. Auf der anderen Seite müssen sie sich häufig Vorwürfe anhören, sie seien nicht fähig, ihr Kind richtig zu erziehen.

Das Asperger-Syndrom [ICD-10: F84.5] ist eine Form der autistischen Störungen.

Die davon betroffenen Kinder sind nicht so stark behindert, wie Kinder mit frühkindlichem Autismus (Kanner-Syndrom). Sie verfügen über eine normale Intelligenz, teilweise eine intellektuelle Frühreife, ein gutes Sprachvermögen und kommen mit dem normalen Schulstoff zurecht. Auffällig ist ihre emotionale Distanz und ihre ausgeprägte motorische Ungeschicklichkeit. Ähnliches gilt im Prinzip auch für Kinder mit so genanntem "High functioning-Autismus".

Beim Asperger-Syndrom handelt es sich vorrangig um eine ausgeprägte Kontakt- und Kommunikationsstörung, die spätestens im Vorschulalter manifest wird und die durch eine qualitative Beeinträchtigung des Interaktionsverhaltens, mangelndes Einfühlungsvermögen, motorische Auffälligkeiten und ausgeprägte Sonderinteressen charakterisiert ist.

Die soziale Bedeutung zeigt sich darin, dass die betroffenen Kinder isoliert sind, aufgrund ihrer Verhaltensauffälligkeiten überall anecken und oft auch aus schulischen Förderprogrammen herausfallen.

Als Ursache der Störung werden genetische Faktoren angenommen im Verein mit umschriebenen Hirnfunktionsstörungen und neuropsychologischen Ausfällen, die alle auf eine Einschränkung im Bereich des nonverbalen Lernens hinweisen, obwohl sich das allgemeine Intelligenzniveau meist im Normbereich bewegt.

Die Behandlung muss stets die individuellen Besonderheiten des Falles berücksichtigen und stützt sich auf verhaltenstherapeutische Ansätze, die Einübung sozialer Fertigkeiten und auf die Beschäftigung unter Einbeziehung der jeweiligen Interessen und Fähigkeiten.

Im Gegensatz zum frühkindlichen Autismus (Kanner-Syndrom) fehlen beim Asperger-Syndrom die verzögerte Sprachentwicklung wie auch die Einschränkung der kognitiven Entwicklung.

Vielmehr lernen Kinder mit Asperger-Syndrom relativ früh und gut, vermögen sich manchmal sprachlich recht ungewöhnlich auszudrücken und bewegen sich auch in ihrer Intelligenz im Normbereich. Jedenfalls ist ihre Intelligenzausstattung deutlich besser als bei Kindern und Jugendlichen mit Kanner-Syndrom.

Quelle: Prof. Dr. Dr. Helmut Remschmidt, Philipps-Universität Marburg
Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats des Bundesverbandes "hilfe für das autistische kind"

Aufgrund ihrer veränderten Wahrnehmung sind autistische Kinder in allen Lebensbereichen beeinträchtigt, das gilt auch für Kinder mit Asperger-Syndrom. Sie aber gehen häufig unerkannt in ganz normale Schulen, wo von ihnen auch "ganz normales" Benehmen erwartet wird. Und spätestens hier fallen sie vor allem durch ihr merkwürdiges Sozialverhalten auf.

Autistische Kinder lernen soziale Verhaltensweisen, Zusammenhänge, hierarchische Strukturen etc. nicht wie andere Kinder "nebenbei" durch Intuition oder Abschauen, sondern müssen sie erklärt bekommen. Soziale Signale können sie nicht selber erkennen. Nonverbale Kommunikation wie Gestik, Mimik, Körpersprache, Blicke, sind für diese Kinder nicht entschlüsselbar, und daher sind sie unsicher über die Gefühle und Intentionen anderer Menschen und verhalten sich anders, als es von ihnen erwartet wird.

So kann es vorkommen, dass sie zum Beispiel beim Sprechen ihr Gegenüber nicht ansehen, weil ihnen entweder nicht klar ist, dass man aus der Mimik des Gesprächspartners auch Informationen entnehmen kann, oder sie diese Informationen nicht verstehen. Andererseits können sie jemanden sehr intensiv anstarren, so dass es aufdringlich wirkt.

Durch eine veränderte Körperwahrnehmung, mangelnde Koordination der Bewegungen, häufig gepaart mit der Unfähigkeit, Abstände und/oder Geschwindigkeiten realistisch einzuschätzen, kann es z.B. zu unbeabsichtigten Rempeleien führen.

Es ergeben sich ständig Missverständnisse, woraufhin diese Kinder nicht adäquat reagieren, entweder zu heftig, verzögert oder gar nicht, oder sie verfallen wegen "geringfügiger" Anlässe in Panik oder Hysterie. Typisch ist auch ihre Angst, etwas falsch zu machen oder etwas Falsches zu sagen. Manche tun oder sagen dann lieber gar nichts, andere "kaspern" herum, um ihre Unsicherheit zu überspielen.

Autistische Kinder sind auf verbale Erklärungen angewiesen und vertrauen häufig blind auf das, was ihnen gesagt wird, wobei sie vieles wortwörtlich nehmen. Umgekehrt ist es für sie selber sehr schwer, ihre Gedanken und Gefühle in Worte zu fassen, etwas zu erklären, obwohl sie gut sprechen können. Das erschwert das Verständnis zwischen ihnen und uns.

Kinder mit Asperger-Syndrom verfügen über ein hohes Sprachniveau und eine normale bis überdurchschnittliche Intelligenz, deshalb nimmt man an, dass sie auch alles verstehen. Aber oftmals erkennen sie nicht das Wesentliche in einer Aussage sondern halten sich mit subjektiven Details auf, ohne den Inhalt richtig zu erfassen.

Aus den genannten Gründen können Kinder mit Asperger-Syndrom von sich aus kaum altersgemäße Beziehungen zu anderen Kindern herstellen. Die Kontaktaufnahme geschieht verstandesmäßig, die Gefühle anderer werden nicht wahrgenommen. Kinder mit Asperger-Syndrom wirken auf ihre Klassenkameraden fremd und beunruhigend und werden daher oft Opfer von Ausgrenzung und/oder Mobbing.

Sie merken bald, dass sie anders als ihre Klassenkameraden und bei diesen unbeliebt sind. Werden sie mit dieser Erkenntnis allein gelassen, ist die Gefahr einer Depression sehr groß. Dies kann sich dahingehend auswirken, dass sie sich entweder völlig zurückziehen oder Aggressivität zeigen.

Im Gegensatz zu Kindern mit frühkindlichem Autismus werden Kinder mit Asperger-Syndrom erst relativ spät - manchmal erst im Verlauf des Schulalters - diagnostiziert, da sie auf den ersten Blick recht normal wirken und die Auffälligkeiten zunächst den verschiedensten Ursachen zugeschrieben werden können. Häufig wird ihre Störung nicht ernst genommen. So werden an diese Kinder Anforderungen gestellt, die sie nicht erfüllen können. Das auffällige Verhalten wird oft fälschlicherweise als "Nicht-Wollen" angesehen, als Ausdruck des Wunsches, im Mittelpunkt zu stehen, schlimmstenfalls als Bösartigkeit.

Durch das große Wissen auf dem Gebiet ihrer Spezialinteressen und die Hartnäckigkeit, mit der sie diese Interessen verfolgen, können Kinder mit Asperger-Syndrom hier hervorragende Leistungen erbringen. Überhaupt sind ihre hervorstechenden Eigenschaften: Genauigkeit, Perfektion, stark ausgeprägter Gerechtigkeitssinn, absolute Wahrheitsliebe, logisches Denken.

Wenn diese Eigenschaften gefördert und in die richtigen Bahnen gelenkt werden, können aus Kindern mit Asperger-Syndrom sehr gewissenhaft und genau arbeitende Angestellte, aber auch hervorragende Wissenschaftler, Erfinder oder Künstler werden.

Kinder mit Asperger-Syndrom sind - gemessen am autistischen Spektrum - relativ "leicht" betroffen. Dennoch benötigen sie besonderes Verständnis und Hilfe, aber es muss die richtige Art von Hilfe sein.

Mit der richtigen Anleitung können sie soziale Verhaltensweisen lernen. Dann sind die Chancen, dass sie einen Beruf ausüben und ein weitgehend eigenständiges Leben führen können, recht gut.

Hannelore Gerner


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